Die Energiewirtschaft ist eine Branche der kritischen Infrastruktur und genau so fühlen sich viele IT- und Prozesslandschaften an: hochrobust, hochkomplex, hochreguliert. In SAP-Systemen von Energieversorgern und Netzbetreibern trifft man deshalb häufig auf eine Expertenwelt: Wer sich in FI-CA, Maskenlogiken, Prozessketten und ABAP-Transaktionen bewegt, ist extrem effizient. Wer neu ist oder nur gelegentlich Informationen braucht, muss erst die Sprache des Systems lernen, bevor überhaupt die erste sinnvolle Frage gestellt werden kann.

SAP Joule adressiert genau diese Lücke. Nicht als generischer Chat, sondern als kontextbewusster Copilot, der Sie im Arbeitsfluss unterstützt: innerhalb Ihrer Rollen, Berechtigungen, Prozesse und Governance-Leitplanken. Entscheidend ist also nicht, ob KI schöne Texte formulieren kann, sondern ob sie sicher, nachvollziehbar und prozessnah einen Mehrwert bringt.

Warum generische KI im EVU-Umfeld schnell an Grenzen stößt

In regulierten Prozessen ist „klingt plausibel“ kein Qualitätskriterium. Ein allgemeiner KI-Chatbot kennt weder Ihre Geschäftslogik noch Ihre internen Richtlinien und kann im schlimmsten Fall Vorschläge machen, die Compliance-Vorgaben, GoBD-Anforderungen oder regulatorische Pflichten verletzen.

Der praktische Unterschied bei Joule entsteht durch Kontext und Berechtigung:

  • Joule erkennt, wer fragt (Rolle/Funktion).
  • Joule arbeitet innerhalb dessen, was diese Rolle sehen und tun darf (SAP-Berechtigungen).
  • Joule versteht, in welchem Prozesskontext die Anfrage entsteht (Konto, Fall, Auftrag, Objekt).

Damit wird aus einem cleveren Tool ein vertrauenswürdiger digitaler Kollege und genau diese Vertrauensdimension entscheidet in der Energiewirtschaft über Produktivfähigkeit.

Architektur: Stabiler Kern, schnelle Innovationsschicht

Ein Bild hilft, die technische Logik hinter Joule zu verstehen:

  • SAP S/4HANA Utilities ist der stabile Kern, vergleichbar mit der physischen Infrastruktur eines Energieversorgers: Kabel, Trafos, Leitungen. Hier zählt maximale Stabilität und Transaktionssicherheit. Millionen Zählerstände, Rechnungen und Zahlungen müssen zuverlässig verarbeitet werden.
  • An diesem Kern will man nicht ständig herumschrauben, nur um Innovation zu testen.
  • Genau dafür gibt es eine zweite Ebene: die SAP Business Technology Platform (BTP) als Innovationsschicht um den stabilen Kern.

Joule ist in dieser Innovationsschicht verortet und greift gezielt auf den Kern zu. Und hier kommt ein weiterer Baustein ins Spiel: OData/APIs als standardisierte Schnittstellen – eine Art universelle Sprache, um konkrete Fragen an den Kern zu stellen und Antworten zu erhalten, ohne die gesamte Backend-Komplexität offenzulegen.

Der Vorteil ist strategisch: Innovationsgeschwindigkeit wird vom Kernbetrieb entkoppelt. Neue KI-Funktionen lassen sich auf der BTP entwickeln und anbinden, ohne den Maschinenraum von S/4HANA umzubauen.

Wenn S/4HANA die Infrastruktur ist, dann sind die Prozesse der Marktkommunikation die Schaltregeln im System. Joule wird damit zum intelligenten Operator im Informations-Leitstand. Es erkennt Engpässe in Datenflüssen, priorisiert Auffälligkeiten und stößt gezielt Aktionen an.

Wo Joule im EVU-Alltag sofort greifbar wird

Der Mehrwert entsteht dort, wo heute viel Zeit für Suchen, Kontextaufbau und Abstimmung verloren geht und wo Fehler teuer werden.

1) Abrechnung & FI-CA: Vom Sachverhalt zur nächsten korrekten Aktion

Ein typisches Muster: Zahlungssperre, Klärfall, offene Posten und die Frage „Was ist hier der nächste richtige Schritt?“

Statt sich durch Masken, Reiter und Dokumente zu klicken, kann Joule den Kontext bündeln und prozessnah unterstützen, z. B.:

  • den Sperrgrund inhaltlich einordnen (inkl. Prozesskontext),
  • die relevanten Belege/Status zusammenführen,
  • nächste Schritte prozesskonform vorschlagen,
  • und bei Bedarf Folgekommunikation vorbereiten (z. B. eine Klärungsnachricht an den Einkauf).

Das reduziert Sucharbeit, erhöht Prozesssicherheit und senkt Reibungsverluste zwischen Fachbereichen.

2) Marktkommunikation & Fristen: Nadel im Heuhaufen statt Listenwache

In der Marktkommunikation entscheidet Zeit. Prozesse wie der beschleunigte Lieferantenwechsel (LFW24) sind fristkritisch. Werden Klärfälle nicht rechtzeitig bearbeitet, drohen Vertragsstrafen und operative Eskalationen.

In der Praxis fühlt sich das oft an, als würde man permanent Listen überwachen, mit der ständigen Angst, den einen kritischen Fall zu übersehen. Genau hier verändert Joule den Arbeitsmodus:

  • Welche Klärfälle gefährden aktuell Fristen?
  • Welche Fehlerursachen treten gehäuft auf?
  • Welche nächsten Aktionen sind prozesskonform und wirksam?

Der Effekt ist nicht nur Geschwindigkeit, sondern vor allem steuerbare, priorisierte Abarbeitung statt reaktivem Feuerwehrmodus.

3) Regulatorik sicher anwenden: Grounding mit aktuellen Dokumenten

Gerade im EVU-Umfeld ist Wissen nicht nice to have, sondern Teil der operativen Sicherheit. Ein entscheidendes Prinzip ist hier Grounding, das Erden der KI mit belastbaren Fakten.

Praktisch heißt das: Joule stützt Antworten nicht auf Allgemeinwissen, sondern auf konkrete, aktuelle Dokumente (z. B. relevante Beschlüsse, Vorgaben, Handlungsanweisungen), die als Wissensbasis dienen. Damit werden Empfehlungen:

  • regulatorisch präziser,
  • nachvollziehbarer,
  • und vor allem tagesaktuell – ein wesentlicher Faktor für produktive Nutzung in hochregulierten Abläufen.

Der Paradigmenwechsel: Von reaktiv zu proaktiv

Wenn Daten schneller, sauberer und kontextreicher im System ankommen, wächst der Nutzen von Antworten geben zu Vorschläge machen. Der Wechsel ist spürbar:

  • Weg von: „Was ist der Status?“
  • Hin zu: „Was passiert als Nächstes – und was ist wirtschaftlich sinnvoll?“

Ein Beispiel aus dem Netzbetrieb zeigt die neue Qualität der Fragen: Welche Transformatoren haben, basierend auf Instandhaltungs- und Sensordaten, das höchste Ausfallrisiko im nächsten Monat? Wie stehen präventive Reparaturkosten im Verhältnis zu den erwarteten Kosten eines ungeplanten Ausfalls inklusive Vertragsstrafen und Reputationseffekten?

Das ist der Punkt, an dem ein Copilot über reine Informationsabfrage hinauswächst, hin zu proaktiver Steuerung und datenbasierter Entscheidungsunterstützung.

Fazit: Hype oder Revolution?

Hype wird es, wenn Joule als zusätzlicher Chat verstanden wird.
Revolutionär wird es dort, wo Joule kontextreich, prozessnah und governance-sicher eingesetzt wird:  Mit klarer Architektur (stabiler S/4HANA-Kern plus BTP-Innovationsschicht), sauberem Berechtigungskonzept und einer belastbaren Wissensbasis.

Wenn Sie pragmatisch starten möchten, empfiehlt sich ein fokussierter Einstieg: Ein Prozess, ein Pilotteam, klare KPIs und Leitplanken, die Skalierung von Anfang an mitdenken.